Mein Nachbar ist Karnevalist. Auf die Art, dass er es krumm nimmt, wenn der Tanzmariechenverein seiner Tochter hier in Berlin mit einem Tanzmariechenverein in Düsseldorf kooperiert. Düsseldorf ist für uns Bonner und Kölner die "schäl Sick", also die falsche Seite des Rheins. Drüben ruft man Helau, bei uns aber Alaaf und überhaupt trinken die da drüben Altbier, was dem Kölsch logischerweise maximal unterlegen ist. Insofern ist mein Nachbar froh, dass Karneval dieses Jahr ausfällt.

"Stell dir eine Datingapp vor, auf der plötzlich alle gleichzeitig miteinander matchen"

Ich weiß natürlich, dass es auch weniger triftige Gründe gibt, dem Ausfall von Karneval (oder Fasching, was in den Ohren eines Rheinländers einfach unglaublich blöd klingt) zu verarbeiten. Karneval, bleiben wir dabei, ist so etwas wie die Regenzeit in der Serengeti: Überall sprießen Pilze und es wird sich vermehrt wie blöde. Gerade der Rosenmontag ist ein Ereignis, dass an überfließenden Hormonen kaum zu überbieten ist. Stell dir eine Datingapp vor, auf der plötzlich alle gleichzeitig miteinander matchen.

Man muss es wahrscheinlich selbst erlebt haben. Aber die Dichte an "Oh Gott, ich kann mich hier nie wieder blicken lassen" und "Wie heißt der nochmal?" ist überwältigend hoch. Im Rausch sieht halt wirklich alles irgendwie…lebbarer aus.

Da mit Karneval also ein Hauptpaarungsritual in unserem Land ausfällt, bin ich extrem gespannt, wie sich der Hormonstau entlädt, sollten die Temperaturen wieder steigen und, helfs Gott, die Sache mit den Impfungen endlich Form annehmen. Sodom wäre wahrscheinlich nichts dagegen und ich wünsche uns allen Toitoitoi.

Karneval fällt aus - auch das hat Vorteile

Statt sich sentimentalen Gedanken an vergangene Karnevalspartys hinzugeben, macht es Sinn, sich die Vorteile des neuerlichen Ausfalls vor Augen zu führen. Ich habe mal ein paar zusammengeschrieben:

  • Ihr wacht morgens nicht auf und denkt: "Wo bin ich? Oh nein! Doch nicht etwa bei diesem Typen im Hummelkostüm! Fuck, doch, das ist er. Schaffe ich es bis zur Tür, ohne das die Dielen quietschen?"
  • "Wie heißt du nochmal? Und wo haben wir uns getroffen?"
  • "Sag mal, Minka, ich bin hier irgendwo in Müngersdorf. Kannst du mich abholen?"
  • "Och menno. Jetzt muss ich doch aus Schwabing wegziehen. Wie peinlich war ich denn bitte!"
  • "Das ist überhaupt nicht mein Kostüm! Wo sind denn meine Flügel?"

 

Es macht nämlich immer Sinn, das Positive zu sehen.

Alles Liebe und Alaaf,

Paula